über denise bettelyoun als künstlerin & wissenschaftlerin                      









Ausbildung, Studien und Forschung


Über eine Zeitspanne von nunmehr 27 Jahren hinweg habe ich eine tiefe- und kritische Auseinandersetzung mit der Kunst auf sämtlichen Ebenen geführt- und diese Prozesse mittels des Studiums der Kunstgeschichte und der freien Kunst mit Schwerpunkt Visueller Kommunikation (Kunstakademie) vertieft. Die jahrelange praktische Auseinandersetzung mit dem textilen Medium als Material meiner Kunst warf vielerlei Fragen auf, die dazu führten, dass ich hinzukommend noch die Forschung aufnahm.

Meine Promotion:  „Verstrickungen- Zur Phänomenologie einer textilen Technik im 21. Jahrhundert“, welche mittels des Stipendiums für interdisziplinäre Forschung der Andrea von Braun Stiftung gefördert wurde, wurde von Fr. Prof. Dr. Eva von Koethen/ Institut für Gestaltungspraxis/ Universität Hannover und von der Junior-Professorin für Mixed Media Freddie Robins am Royal College of Art London betreut. Sie läßt sich in den Bereich der Materiellen Kultur einordnen, da sie auf interdisziplinäre Art und Weise das Beziehungsgefüge zwischen Künstler und dem textilen Medium/ textilen Techniken in der Kunst erforscht. So lässt sich meine Promotion als künstlerisch-wissenschaftliche Forschung einordnen, da ich dieses Forschungsfeld nicht nur wissenschaftlich und theoretisch untersuche, sondern auch praktisch als Künstlerin, pädagogisch und didaktisch als universitäre künstlerische Lehrbeauftragte und Dozentin, aber auch als Kultur- und Kunst vermittelnde Kuratorin. So konnte ich mir einen interdisziplinären Einblick in die Materie ermöglichen und ein tiefergehendes Wissen und handwerkliches Können aneignen.  

Ich habe es als Bereicherung empfunden, dass ich die Theorie und Praxis in mir vereine, da ich dadurch befähigt bin, transdisziplinär Zusammenhänge zu erfassen, die anderen Wissenschaftlern entgehen, weil sie zu sehr in der Spezialisierung verfangen sind bzw. keine praktischen Erfahrungswerte mit dem textilen Material haben, über das sie forschen.
Die Basis meiner künstlerischen Lehre an Universitäten, in Freien Kunstakademien und Seminaren lässt sich mit einem Satz zusammenfassen:

Kreativität bezieht sich in meinem Sinne auf die Fähigkeit des Menschen alle seine Sinne in einer Art zu schärfen, dass er eine geistige Beweglichkeit entwickelt, die ihm grenzenlosen Einfallsreichtum beschert. 



Das textile Medium in meiner Kunst


Als Künstlerin setze ich mich bereits seit 1997 intensiv mit dem textilen Medium als Material meiner Kunst auseinander und beherrsche eine große Spannbreite an textilen Techniken, mit denen ich meine Kunst realisiere. Als „soziale Oberfläche“ (Monika Wagner)  überführt die Textile die Geschichte ihrer Verwendung in den Kunstraum und erstellt damit neue Sinnbezüge. Diese können durch Neukombination, dann durch bewußten Einsatz der materialimmanenten Eigenschaften, sowie durch den Kontext der Präsentation hergestellt werden. Typisch für das textile Material sind seine performativen Eigenschaften. Weiterhin ist die Textilie bedingt durch die einkleidende Funktion sehr eng mit dem menschlichen Körper verbunden.

Sie ist Stifter von Identität, Geschlecht und  Körperlichkeit. Sie vermittelt nach außen hin soziale Stellung, Uniformität/ Zugehörigkeit, Status und Rang einer Person. Gleichzeitig ist ihre Materialität eng mit dem Fühlen und den Sinnen verbunden, sodaß ihre Präsenz sinnliche Wahrnehmung heraufbeschwört. Als Trägermedium  ist die Oberfläche, Haptik und Struktur sehr interessant.

Betrachtet man die Vielschichtigkeit der Verwendungsformen textiler Sachkultur, so wird einem bewußt, welch große Bedeutungsspanne mit der Textilie in den Kunstkontext einfließt.
Durch den Transfer aus dem praktisch-funktionalen Bereich in den ästhetischen Bereich sind die Materialien mit kulturellen und sozialen Bedeutungen aufgeladen, die in das Kunstwerk einfließen und mit denen Künstler ganz bewußt arbeiten können. Unter Berücksichtigung aller oben genannten Aspekte des textilen Mediums, wird es mehr als  verständlich, warum für mich das textile Material als Medium meiner Kunst so einen hohen Stellenwert besitzt.

Mein Arbeitsansatz versucht Grenzen und Möglichkeiten textiler Zusammenhänge im Hinblick auf meine künstlerischen Zielsetzungen zu erforschen und transdisziplinär neuen Ausdrucksmöglichkeiten und Inhalten zuzuführen und auf diese Weise die vielen Ebenen des möglichen Kommunikationstransfers via Textilie frei zu legen.  In keinem anderen Bereich findet die Textilie eine solch entkoppelte Freiheit der Anwendungsmöglichkeiten wie im Feld der Kunst.

Leider hat die Allgegenwärtigkeit des textilen im Alltag zu einer unreflektierten und stereotypen Sichtweise geführt, die es in der Gegenwart, in der so viele spannende Innovationen statt finden, zu dekonstruieren gilt.

Meine Herangehensweise an das textile Material ist gekennzeichnet durch die kritische Auseinandersetzung mit kulturellen und traditionellen Anwendungen und Rezeptionsweisen des textilen und wird in diesem Sinne vom Publikum auf Messen, in Museen und Ausstellungen als radikal und subversiv rezipiert. Diese Subversivität meiner Arbeit widerrum, hat mich sehr eng mit den Künstlern der Critical-Crafting; Subversive Knitting; Radical Knitting & Do-It-Yourself-Bewegung verbunden. Diesbezüglich habe ich mit Begeisterung festgestellt, dass viele Künstler in den USA und England mit dem textilien Medium in ihrer Kunst ähnliche Zielsetzungen und Ansätze verfolgen, wie ich das tue, sodass ich sehr schnell Gleichgesinnte fand.

Auf Basis unserer Ansätze hat sich ein enges Netzwerk von „Subversive Knitters/ Critical-Crafters and D.I.Y. - Kulturen geformt. Ich arbeite intensiv mit Mitgliedern dieser Bewegung zusammen und konnte über die Jahre ein breites Netzwerk aufbauen mit Künstlern, Professoren, Kulturschaffenden und Institutionen, Museen und Forschern. Meine Professorin und Zweit-Doktormutter vom Royal College of Art/ London - Freddie Robins- ist eine der Köpfe der „Subversive Knitters“ aus England. Unter ihrer Obhut und der von Fr. Prof. Dr. Eva Koethen konnte ich sehr tiefgehende Erkenntnisse über das textile Medium und textile Handarbeit in der Kunst erlangen.
Die Erkenntnisse aus der künstlerisch-wissenschaftlichen Forschung fliessen in meine Arbeit als Künstlerin hinein und bilden deren Inpirations- und Ankerpunkt. 



Persönliche Gedanken über die Struktur der Dinge


Unser Zeitalter ist geprägt von der zunehmenden Auflösung physischer und materieller Präsenz durch die Bildmedien und virtuellen Welten. Der Materialcharakter der Textilie, der für physische Präsenz und Authentizität bürgt, besitzt eine Form von Glaubwürdigkeit, Haptik auf die die Gesellschaft im Zeitalter der Virtuellen Welten nun zunehmend zurückzugreifen scheint.

Monika Wagner spricht in diesem Zusammenhang in Ihrem Band “Über das Material in der Kunst”,  sogar davon, daß die Betonung des materiellen Charakters in der Gegenwart, sich durch eine Art von  “Ding- und Materialfetischismus” breit macht. Dieser „Material-Fetischismus“ zeigt sich in den extremen Materialmixen der Mode genauso, wie in der gehäuften Präsenz der Textilie als Medium der Kunst z.B. auf der Dokumenta/ Biennale in Venedig; in Themenausstellungen zu Materialien wie Filz oder Strick. Aber auch in den alternativen Do-It-Yourself-Kulturen sowie den populären Medien.
Die Materialität und Haptik des textilen Mediums steht stellvertretend für authentisches Fühlen und danach scheint es unsere Gesellschaft zu dürsten. Millionen von Menschen entdecken in der Gegenwart die textile Arbeit für sich.

Die Frage nach den Prinzipien der Natur und nach der Art und Weise, wie wir in der heutigen Zeit mit ihr verknüpft sind,  hat für mich als Halb-Indianerin einen großen Stellenwert und ist eng mit den Erkenntnissen, die mir die textilen Handarbeitssysteme geliefert haben verbunden. Ich nehme in meiner Kunst mittels des textilen Materials Analysen vor, da sie mir als Spiegel dienen, mit dessen Hilfe ich tiefere Zusammenhänge von Kultur, Natur, Virtualität und Technik offenlegen kann.

Dies möchte ich zu diesem Zeitpunkt ein wenig erläutern: Alles Lebendige besteht aus der Wiederholung eines Einzelelementes, z.B. der Zelle, des Haars, der Pore, der Schuppen, Verzweigung, Meander, Spiralen, Sphären,Gitter,Kristalle......- vom Mikrokosmos über das Makrokosmos hinweg treffen wir stets auf diese Grundelemente der Schöpfung. Durch die Bündelung/ Häufung/ Aneinanderreihung eines Grundelementes entsteht eine Struktur.
Im Bereich des Lebendigen entspräche diesem Grundelement beispielsweise eine Zelle, sie Summe der Zellen ergäbe ein organisches System, welches eine strukturelle Lösung der Natur einer wichtigen Lebensfunktion darstellt..- z.B. Organe, Haut, Nerven und Muskeln.

Dieses Prinzip läßt sich auf die Struktur der Handarbeiten (Stricken, Klöppeln, Häkeln etc:) genauso übertragen. So besteht beispielsweise jedes Gestrick aus der Masche (dem Einzelelement), die Summe der Maschen ergibt eine Struktur (Maschenstoff), die jenem Bedürfnis nach der zweiten Haut, die der Form des Körpers zu folgen, ihn zu wärmen, schützen, zieren und zu isolieren vermag. Umso weniger überrascht es denn auch, dass man mittels des strickens (und auch anderer textiler Handarbeits-Systeme!) sämtliche natürliche Formen und Erscheinungen nachbilden kann. Alle Schöpfungen des Menschen, (seien es technische, biologische, virtuelle) entsprechen in ihrem strukturellen Aufbau diesen Prinzipien... – auch wenn der Grundbaustein natürlicher, oder artifizieller Art (Zelle, Schuppe, Verzweigung, Meander, Strom, Loch/ Nicht-LochMasche, Gitter, Netz, Atom, Klöppelschlag, Blutkörperchen, Planete...) variiert, so ist das strukturelle Prinzip stets dasselbe. Faszinierend daran ist, dass hierdurch eine Kompatibilität existiert, die die Übertragung in andere Medien auf Basis dieses Prinzips stets als Möglichkeit in sich trägt. Umso weniger verwundert es, wenn beispielsweise heutige Mathematiker komplexe Algorhythmen, wie jenen der Lorenzschen Mannigfaltigkeit oder der Hyperbolischen Flächen, in Häkel-Modelle übersetzen, um ihren Studenten auf materialer/ haptischer Basis Erkenntnisprozesse zu ermöglichen. Mit zunehmender struktureller Komplexität, ist dies ein Weg Zusammenhänge besser zu „be-greifen“. Betrachtet man die Forschungen über die Bedeutung der Hände (des fühlens) für den kognitiven Wahrnehmungsprozess, so wird offensichtlich, dass wir hier an der Schwelle zu einer einschneidenden Entwicklung stehen. Es stellt sich die Frage, wie diese Haptik und Materialität mit der Virtualität der Computer verknüpft werden könnte, um diesen wichtigen Sinn integrieren zu können. Im Grunde dürfte die enge Verwobenheit der Textilie mit den Computerwelten vor diesem Hintergrund kaum überraschen, wenn man sich dessen bewußt ist, dass sich die ersten Rechenmaschinen (Charles Babbage) auf Basis des Lochkartensystems der Jaquard-Webstühle entwickelten. So besteht auch hier eine enge strukturelle Affinität zwischen der Virtualität des Computers und der Materialität der Textilie. Sadie Plant spricht in ihrem Buch „Zeros and Ones“ in diesem Zusammenhang sogar davon, dass die Systematik der Textilie das „Unterfutter“ aller heute existierenden technischen Errungenschaften bildet. Manfred Faßler kommt in seinem Buch „Cyber-Moderne“ zu der Erkenntnis, dass die menschliche Kultur und all ihre Entwicklungen auf den physikalischen und chemischen Vermittlungsbedingungen der Materialitäten unserer Erde basieren. Die Neuerungen es digitalen Zeitalters weisen auf eine intime Beziehung von Materialität, Medium und Botschaft hin, sodass eine Analyse der Verwobenheit von Materialität und Medialität in der Gegenwart dringend gefordert ist.

Meiner Meinung nach gibt es aus diesem Grund auch keine, vom Menschen erschaffenen Systeme, die unabhängig von dem Prinzip der Natur entwickelt werden können, vielmehr spricht der Mensch in seinen Schöpfungen die Sprache seiner eigenen Grundstruktur, welche jene der Natur ist.

Die textilen Strukuren enthalten im Rahmen meiner künstlerischen Arbeit vor diesem Hintergrund, visuelle Assoziationen aus denen ich eine ganz persönliche Querverbindung zu den Zusammenhängen von Natur, Mensch und Technik ziehe. Sie sind in meinen Augen ein Spiegel der Prinzipien unserer Existenz.Das Ziel meiner Kunst vor diesem Hintergrund ist es, die Bedeutung der textilen Strukturen auf einer tieferen Ebene  zu beleuchten, quasi das Bindeglied zu unserer eigenen Natur, aber auch zur Wissenschaft, Technik, Mathematik, Philosophie....- offenlegen.



© Denise Bettelyoun
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